Warum Preise keine Probleme lösen

Es gegebenem Anlass möchte ich mich gerne zu folgendem Spiegel-Artikel äußern.

Für die Lesefaulen die Kurzsaussage des Artikels: Der Sprit ist zu billig, deshalb kaufen sich die Leute große, übermotorisierte Autos (SUV) und deshalb steigt die Schadstoffbelastung und Umweltverschmutzung trotz moderner Technik in KFZ an und fordert Menschenleben.

Zu meiner eigenen Person und Position muss ich Folgendes dem Leser mit auf den Weg geben: Ich selbst besitze kein eigenes KFZ und bin auf Bus und Bahn angewiesen, wünsche mir allerdings eines Tages ein eigenes Fahrzeug zu kaufen.

 

Zäumen wir das Pferd erstmal von einer anderen Seite auf: Die erste Frage die ich stellen und mit meinen eigenen Worten / meinen eigenen Thesen beantworten mag, ist die, warum sich Menschen überhaupt ein Auto kaufen.

#1 Flexibilität, Mobilität: Mit einem eigenen Fahrzeug ist man bedeutend flexibler. Arbeit, Vorstellungstermine, Freizeitaktivitäten, Einkäufe, Arzttermine. Das alles kann man an einem Tag erledigen ohne dabei zeitlich in Bedrängnis zu raten, da man in der Zeit, die andere damit verbringen an der Bushaltestelle Zwanzig Minuten auf den nächsten Bus zu warten, bereits am Ziel sein kann.

#1.1 Flexibilität im Beruf: In der heutigen Welt kommt es schon vor, dass man in zwei Jahren bei drei verschiedenen Arbeitgebern arbeitet. Umzüge würden Geld kosten und die Kinder entwurzeln, deshalb pendelt man dann lieber. Aber auch ungewöhnliche Arbeitszeiten und Rufbereitschaften erfordern ein eigenes Fahrzeug. In einigen Jobs ist das sogar mittlerweile Einstellungskriterium, auch wenn das niemand so offen zugeben würde.

#2 Bequemlichkeit: Im eigenen, der Jahreszeit entsprechend klimatisierten, Auto zu sitzen ohne lärmende Schulkinder in einem völlig überfüllten Bus bei 30 Grad im Schatten oder ohne Zwanzig Minuten Wartezeit auf den nächsten Bus im Regen bei gerade mal 3 Grad, ist das Leben um Welten angenehmer. Wenn ich das Geld dazu hätte, würde ich mir das auch so leisten wollen.

#3 Transport: Lebensmittel oder ein kleines Ikea-Regal in Bus und Bahn zu transportieren ist zwar nicht unmöglich, aber auch nicht bequem. Körperliche Fitness ist dazu auch eine wichtige Voraussetzung. Und wenn man einen Großeinkauf vor den Feiertagen zu erledigen hat, sind zwei Hände zu wenig und die Taschen + Rucksack garantiert zu klein. Wer schon einmal versucht hat einen Kasten bzw. 6er Pack mit Getränken, eine Packung Klopapier, diverse Lebensmittel und Flaschen mit Waschmittel etc. in öffentlichen Verkehrsmitteln zu transportieren, der weiss was ich meine. Als Single geht das dann vielleicht auch noch, doch spätestens wenn es gilt eine Familie zu versorgen, kommt man da an Grenzen.

#4 Souveränität: Der Mensch ist nun mal gerne unabhängig und möchte nicht dauernd andere Leute um Gefallen bitten. Egal ob es der Großeinkauf vor Weihnachten, ein wichtiger Termin bei einem Facharzt der seine Praxis leider etwas ungünstig für den öffentlichen Nahverkehr eröffnet hat oder andere Dinge sind. Die Möglichkeit selber zu bestimmen wann man wo hinfahren will ohne dabei jedes Mal zu schauen, ob der Busfahrplan diese Option überhaupt zur Verfügung stellt oder Termine absagen zu müssen, weil die Bahn mal wieder nicht kommt oder der Bus so Verspätung hat, dass man den Umstieg verpasst und deshalb den Termin nach / vor der Arbeit nicht wahrnehmen kann, ist einfach frustrierend und vermittelt einem das Gefühl des Ausgeliefert-Seins.

#5 Rückständigkeit des ÖPNV: Machen wir uns bitte nichts vor. Der deutsche öffentliche Personennahverkehr ist grauenhaft! Während innerhalb der Großstädte die Busse und Straßenbahnen im 15 Minuten Takt sogar die halbe Nacht hindurch fahren und das Netz an Haltestellen relativ dicht ist, kann man in den Satellitenstädten rund um diese Großstädte echt dankbar sein, wenn um 22 Uhr überhaupt noch ein Bus oder eine Bahn fährt. Gerade für Menschen die im Schichtdienst arbeiten oder ungewöhnliche Arbeitszeiten haben, wie z.b. Türsteher die um 4 Uhr am Sonntagmorgen Feierabend haben, ist dies ein reelles Problem. Sie kommen entweder nicht zur Arbeit hin oder nicht nach Hause. Nach einem langen Arbeitstag irgendwo zu stehen und drei Stunden auf den nächsten bzw. ersten Bus des Tages nach Hause warten zu müssen ist wahrlich kein Vergnügen, vorallem wenn man wenige Stunden später wieder raus muss, zwischendurch noch die Kinder Gassi geführt und der Hund versorgt werden will. Und für körperlich eingeschränkte Personen ist der ÖPNV immer noch eine Unmöglichkeit. Bei vielen Bushaltestellen sind Bordsteinkante und Bus immer noch nicht auf ein Niveau eingestellt, das Ein- und Aussteigen mit Rollator oder Rollstuhl stellt immer wieder eine kleine Herausforderung dar und darauf verlassen, dass jemand aufsteht und einen Sitzplatz frei macht, kann man sich auch nicht, vorallem im Berufsverkehr. Und in vielen Gewerbe- und Industriegebieten, also gerade dort wo die Arbeitsplätze sind, gibt es immer noch kaum Haltestellen die auch zu brauchbaren Zeiten angefahren werden. Kurzum: Verlasse dich auf Bus und Bahn und du bist verlassen.

 

 

Bis jetzt hätten wir da schon mal einige Punkte angesprochen, weshalb Menschen sich dazu entscheiden ein eigenes Fahrzeug zu kaufen. Kommen wir zu der zweiten Frage: Warum kaufen sich Menschen so ein riesiges Auto wie einen SUV ?

#1 Weil es Spaß macht ! Und das meine ich ernst. Der Fahrspaß bei einem Audi Q7 ist ein ganz anderer als bei einem VW Lupo.

#2 Bequemlichkeit: Ein Audi Q7 ist nicht nur größer, er ist auch höher. Das Ein- und Aussteigen ist um Welten bequemer, man hat mehr Platz im Kofferraum und meistens noch nette Extras wie eine butterweiche Servolenkung und eine gute Strassenlage, die bei billigeren Modellen schon ganz anders, nämlich schlechter, ausschaut.

#3 Sicherheit: Die meisten Menschen fühlen sich in einem SUV eben wie in einem Panzer. Beschützt und sicher. Und das ist keine Behauptung die ich mir aus den Fingern sauge, sondern durchaus belegbar.

#4 Statussymbol: Den Wert eines SUV als Statussymbol sollte man nicht unterschätzen. Das Fahrzeug eines Menschen ist auch zugleich ein Aushängeschild. Es macht halt einen besseren Eindruck in einem SUV beim Kunden vorzufahren statt in einem rostigen Kleinwagen. Es vermittelt Stärke, den Eindruck die Lage im Griff zu haben und das das Geschäft gut läuft, selbst wenn die Wahrheit eine andere ist. Gehabe von Alphatieren eben. Und Menschen distanzieren sich eben gerne von anderen Menschen, je nach Standesdünkel die sie hegen und pflegen. So dient ein KFZ auch als Abgrenzung nach unten, zu dem Pöbel.

 

Alle genannten Punkte haben mit den Spritpreisen wenig zu tun. Jene, die genug verdienen, fahren auch weiterhin mit ihrem SUV durch die Gegend. Jene Forderung aus dem Artikel Treibstoffe höher zu besteuern, vorallem der Ansatz eine höhere Besteuerung des Diesels würde das Problem lösen, trifft vorallem jene, die jetzt schon manchmal verzweifeln wenn sie tanken müssen, weil sie einerseits auf das Auto angewiesen sind, andererseits nicht wissen wie sie über die Runden kommen sollen. Da fragt man sich, ob der Autor des Spiegelartikels jemals ernsthafte finanzielle oder mobilitätsspezifische Probleme in seinem Leben hatte oder wie er darauf kommt, eine höhere Besteuerung würde das Problem lösen. Auch fehlt es an Lösungsvorschlägen.

 

Problemlösungen wären da z.B. eine gesetzliche PS-Bremse um der Übermotorisierung Herr zu werden oder aber Marketing. Ja, wirklich. Apple hat es geschafft, ihre Produkte, vorallem das berüchtige Smartphone mit dem Ei, zu einem Lifestyleprodukt zu erheben das “seiner Zeit voraus ist”. Dabei ist das Handy bei Erscheinen max. ebenbürtig mit der Konkurrrenz, meist aber schon in seinen technischen Spezifikationen weit überholt und im Verhältnis überteuert. Aber es ist halt eine Marke und im Kopf der Öffentlichkeit sitzt dieses Bild, dass Apple-Produkte halt total die edlen Sachen sind, die jeder braucht, der was auf sich hält. Vielleicht sollten wir mal eine Kampangne starten, dass umweltfreundliche Kleinwagen viel cooler sind als SUV und vernünftige Fahrweise und kleinere Motorisierung erstrebenswert sind für jeden, der etwas auf sich hält.

Das wäre marketingtechnisch aber schwierig. Während Apple es geschafft hat durch das wirklich gute Design und eine intuitive, idiotensichere Bedienbarkeit ihre Produkte zu Statussymbolen zu erheben, weil genau das Bedürfnisse der Kunden wie Exklusivität (Standesdünkel) und Bequemlichkeit anspricht, dürfte es bei Kleinwagen schwieriger werden die Wahrnehmung von Autofahrern umzuprägen und in ihren Hirnen Kleinwagen mit so Attributen wie Bequemlichkeit, Sicherheit, Exklusivität zu verbinden. Was übrigens nicht zuletzt auch daran liegt, das viele gegenwärtige Kleinwagen schlicht nichts von alledem sind.

Damit sich wohl wirklich etwas am Problem der Übermotorisierung und den damit verbundenen Umweltproblemen ändert, müsste sich zuerst wohl das Denken der Leute ändern. Und darin liegt wohl die Herausforderung, die bisher jeder Autohersteller, aber auch Politiker und Marketingstratege gescheut hat. Ich für meinen Teil werde trotzdem eines Tages ein eigenes Auto kaufen und damit die Umwelt verpesten. Und falls ich mal im Lotto gewinne, vielleicht sogar einen SUV.

Über fuddel

1989 das Licht der Welt erblickt. Vielseitig interessiert, desorientiert und desillusioniert.
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