Sci-Fi

Von jeher fasziniert mich das Genre Science Fiction.

 

“Science Fiction” höre ich da jetzt einige stöhnen. “Bloß nicht”.

Wer bei Science Fiction an Ritter mit Lichtschwertern denkt, die Raumschiffe statt Pferde haben und Prinzessinnen retten, der sollte jetzt unbedingt weiterlesen. Denn jene Leute haben offensichtlich keine Ahnung was Sci-Fi eigentlich noch ist. Gebt mir eine Chance euch zu überzeugen.

Ich weiss noch, wie ich früher immer gebannt vor dem Fernseher hing wenn Star Trek ausgestrahlt wurde. Was mich faszinierte waren nicht nur die Raumschiffe und die Technologie. Vorallem waren es die Möglichkeiten. Star Trek drehte sich nicht nur um Sci-Fi, sondern auch (eigentlich “vorallem”) um Dinge, die uns allen aus der Realität bekannt sind. Egal ob Technologie, Gesellschaftsstrukturen außerirdischer Rassen, Konflikte – ihre Ursachen und Lösungen – oder die Erforschung des Weltraums. Alles hat ein Pendant in der Realität.

Die Frage, wie wir mit Technologien umgehen und ob wir sie konstruktiv oder destruktiv nutzen werden und wie die Folgen davon aussehen könnten, steht spätestens seit der Detonation der ersten Atombombe am 31. Juli 1945 zur Debatte.

Anthropologen und Soziologen beschäftigen sich schon seit geraumer Zeit mit den Strukturen verschiedener Gesellschaften und versuchen daraus Prognosen und Rückschlüsse auf unsere eigene Gesellschaft zu ziehen um uns selbst besser zu verstehen und vielleicht auch verbessern zu können.

Konflikte aller Art sind so alt wie die Menschheit selbst. Ihre Ursachen, wie man sie vermeiden oder lösen kann, stehen auf der Agenda vieler Wissenschaftler und Diplomaten. Auch die Frage, welche Auswirkung Technologie auf Konflikte hat, ist spätestens seit Erfindung und Einsatz der Drohnen mit denen man aus großer Entfernung anonym töten kann, topaktuell und nicht zu ignorieren.

 

Und nun kommt Science Fiction. Autoren, Filmemacher und Künstler aller Art beschäftigen sich mit der Frage, wie die genannten Faktoren sich in der Zukunft auswirken könnten. Sci-Fi fragt, was passieren könnte, entwickelt Szenarien. Fast immer haben diese möglichen Szenarien reale Gegenstücke. Während Star Trek den Frieden zwischen Romulanern und Föderation als eine Art kalten Krieg zeigte und eventuelle Lösungen andeutete, beschäftigt sich Battlestar Galactica mit der Frage, wie wir mit künstlichem Leben umgehen werden, dass wir selbst geschaffen haben, und ob wir dieses Leben als uns gleichgestellt akzeptieren werden und welche Folgen es haben könnte wenn wir das nicht tun.

Und Sci-Fi muss nicht immer in der Zukunft spielen. George Orwell entwickelte in seinem Roman “1984″ ein Szenario in dem ein totalitärer Staat Informationstechnologie nutzt um seine Bürger zu überwachen und sogar eine neue Sprache entwirft um sie umzuerziehen. In Zeiten von NSA-Überwachungsskandalen und dem Abschaffen von Worten die nicht der “political correctness” entsprechen oder nicht “gender-konform” sind, also im hier und heute, ist Orwell längst nicht mehr Sci-Fi, sondern längst Realität.

Spätestens bei dem Beispiel wird dem geneigten Leser langsam klar, dass Sci-Fi Geschichten nicht nur Fantasien sind, die von verträumten Spinnern gesponnen werden, sondern dass Sci-Fi mehr eine Art Philosophie ist, die sich mit der Frage beschäftigt, woher wir kommen, wohin wir gehen und wie wir dorthin gelangen werden und wie mögliche Alternativen / Szenarien zu unserem heutigen Status Quo aussehen könnten bzw. aussehen werden und welche Folgen Entscheidungen haben könnten. Gute Science Fiction dreht sich nicht um Raumschiffe und Spezialeffekte, gute Science Fiction stellt Fragen, die Philosophen und andere Denker schon lange herumtreiben und denkt einen Gedanken, zumeist auf Basis von heute tatsächlich vorhandenen Dingen oder Ereignissen, weiter.

Zum Schluß möcht ich einen kritischen Gedanken äußern. Meine Vermutung, warum gute Science Fiction ohne Helden, Raumschiffe und Lichtschwerter, so wenig Beachtung findet, ist vermutlich die mangelnde Bereitschaft sich mit Problemen und Missständen auseinanderzusetzen. Denn wenn in Sci-Fi Utopien entwickelt werden, bedeutet dies, dass heutige Probleme überwunden wurden. Dazu muss man sich erstmal eingestehen, dass es heute noch ernste Probleme gibt. Und wenn Sci-Fi Dystopien entwickelt, in denen alles schief gegangen ist, dann muss man sich eingestehen, dass Probleme nicht durch ignorieren sich in Luft auflösen werden und man vielleicht selbst, eben durch ignorieren, dazu beigetragen könnte eben diese Dystopie, wie Orwells “1984″, zu ermöglichen. So oder so ist es ein bedrückender Gedanke. Wer gute Laune will, der wird vermutlich umschalten, wenn ein Film ein solches Szenario zeigt und die meisten Leute wollen gute Laune und nicht darüber nachdenken müssen, wieviele mögliche Wege in eine Dystopie es gibt.

Man müsste anfangen etwas dagegen zu tun.

 

Die meisten Menschen schimpfen über das schlechte Wetter, aber kaum einer tut was dagegen

Mark Twain

Über fuddel

1989 das Licht der Welt erblickt. Vielseitig interessiert, desorientiert und desillusioniert.
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