Angst vor dem Nichts

Ich hatte einen irren Traum.

 

Ich träumte, ich würde noch einmal die Möglichkeit haben ein Gespräch zu führen mit einem Menschen aus der Vergangenheit. Nur für einen begrenzten Zeitraum. Ich weiß nicht warum, doch ich führte das Gespräch mit meiner Mutter. Sie lebt ja eigentlich noch.

Ich träumte, dass wir uns viel erzählten, zusammen lachten, zusammen nachdenklich waren und auch schwiegen.

Viele Menschen träumen von einer zweiten Chance.  Von der zweiten Chance sich zu verabschieden, wenn es ihnen beim ersten Mal nicht möglich war. Von der Möglichkeit, unausgesprochene Dinge noch besprechen zu können mit einem geliebten, verstorbenen Menschen. In diesem Traum hatte ich das Gefühl, genau das zu tun. Mich verabschieden zu können. Als es dann soweit war, begriff ich aber, dass all diese Dinge die ich zu sagen hatte, der Wunsch noch mal mit ihr zu reden, dass dies die Erinnerung an sie in diesem Traum am Leben erhielt. Sie war nicht fort, sie war noch bei mir. Doch als die Zeit des Abschieds nahte, da begriff ich plötzlich, dass sie diesmal gehen würde. Endgültig. Kein Wiedersehen. Der Abschied würde geschehen, alles würde gesagt sein. Es brach mir das Herz im Traum und ich wachte auf. Nachdem ich realisierte, was ich da geträumt hatte, brach es mir ein zweites Mal das Herz.

Mir wurde bewusst, was der Tod eines Menschen bedeutet. Nicht, dass zum ersten Mal jemand in meinem sozialen Umfeld verstorben wäre. Aber dieses Mal war es anders. Mir wurde klar, dass es eigentlich keine zweite Chance gab. Wenn ein Mensch geht, kommt er nicht mehr zurück. Eines Tages würden die Menschen, die mich ein Leben lang begleiteten, weg sein. Keine zweite Chance, kein zurück. Der Wunsch nach einer solchen Möglichkeit, einem letzten Gespräch, würde vielleicht die Erinnerung wach halten. Aber das wäre nur eine Illusion. In Wirklichkeit ist man allein, isoliert. Wer einst von Bedeutung war ist fort und es gibt dafür keinen Ausgleich, keinen Ersatz.

Ich will nicht sagen, dass ich vollkommen begreife, was Menschen für eine Isolation, für eine Einsamkeit fühlen, die all jene die ihnen etwas bedeutet haben, überlebt haben. Ich habe nur durch das Schlüsselloch gesehen und eine Ahnung erhalten. Was ich allerdings sah, machte mir Angst.

Angst vor dem Nichts.

Nur die Illusion, dass man nach dem Tod wieder einander begegnet, und die Ignorierung der Tatsache, dass die Chancen dafür eher schlecht stehen, haben mich bisher das Thema ertragen lassen. Doch nach diesem Traum, diesem Moment des Gefühls wenn niemand mehr da ist mit dem man Erinnerungen an das eigene Leben verbindet, ist da nur noch die Angst vor dem Nichts. Und es ist unerträglich geworden.

Über fuddel

1989 das Licht der Welt erblickt. Vielseitig interessiert, desorientiert und desillusioniert.
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